Kolumnen & Texte

Für unsere Werte einstehen!»

Die 70ste Generalversammlung der Entwicklungsorganisation Helvetas stand im Zeichen der weltweiten Krisen. Hier meine Eröffnungsrede:

Liebe Mitglieder und Spenderinnen von Helvetas. Ich begrüsse Sie herzlich zur 70. Generalversammlung von Helvetas! Wir freuen uns, dass Sie sich dafür interessieren, wie es Menschen in anderen Teilen der Welt ergeht und was Ihre Unterstützung für Helvetas konkret bewirkt. Das ist wichtig für die fast 7 Millionen Menschen, die wir im letzten Jahr erreichen konnten. Es ist wichtig für unsere Mitarbeitenden in den Projektländern und in der Schweiz. Für den Vorstand. Und auch für mich als Präsidentin. Vor vier Jahren haben Sie mich in dieses Amt gewählt. Seither entdecke ich jeden Tag neue Gründe, um mich für die älteste internationale Entwicklungs­organisation der Schweiz einzusetzen. Ich hoffe, auch Ihnen geht es so. Manchmal könnte man allerdings den Eindruck erhalten, die Solidarität und das globale Verantwortungsgefühl würden an Bedeutung verlieren. Doch dieser Eindruck täuscht.

Wussten Sie zum Beispiel, dass 86% der Schweizerinnen und Schweizer nicht wollen, dass der Bund bei der Entwicklungs­zusammen­arbeit kürzt? Das hat eine aktuelle ETH-Studie ergeben (1). Dieser Wert war in den letzten Jahren etwas gesunken, steigt jetzt aber wieder. Nicht nur bei uns, sondern auch in Europa. Vielleicht ist dies eine Reaktion darauf, dass die Folgen der aktuellen Politik immer sichtbarer werden. Die globalen Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit wurden seit 2023 um fast 30% gekürzt – ein Negativrekord, der nicht ohne Wirkung bleibt.So konnten wir zum Beispiel alle lesen, dass der Abbau bei der internationalen Gesund­heits­prävention in der Republik Kongo eine dramatische Zunahme von Ebola-Infektionen begünstigt hat. Es fehlen die Mittel, um diese gefährliche Epidemie zu bekämpfen (3).

Es wird noch viele solche Rückschritte geben, wenn reiche Länder wie die Schweiz nicht endlich über die Bücher gehen und die Internationale Zusammen­arbeit stärken, so wie es in unserer Verfassung steht. Zum Glück zeigt sich bei den privaten Spenden ein anderes, ein positiveres Bild (2). Auch bei Helvetas. Sie werden im Finanzteil die Details sehen.

Es tut uns gut, heute mit Ihnen zusammenzukommen und zu sehen, dass wir getragen werden. Doch es geht eigentlich nicht um uns. Es geht um die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten. Um Frauen, Männer und Kinder weltweit. Um die Bäuerin im peruanischen Hochland, die dank unserer Unterstützung ihre Existenz sichern kann. Um Familien, die in Madagaskar Zugang zu sauberem Wasser erhalten. Um junge Menschen in Vietnam, die dank unseren Berufsbildungskursen eine Perspektive entwickeln können. Diese Menschen brauchen gerade jetzt und in den nächsten Monaten noch stärker unsere Hilfe. Nicht nur, weil alle Staaten immer mehr Geld in die Militärbudgets umleiten, auf Kosten von Bildung und Gesundheit. Sondern auch, weil vor wenigen Monaten ein weiterer Krieg begonnen wurde. Diesmal im Iran. Dieser Krieg hat in dieser Zeit enormen Schaden angerichtet, und zwar weit über die betroffene Region hinaus. Die Blockade der Strasse von Hormuz hat die Energiepreise weltweit explodieren lassen. Wir spüren es hier – Sie kennen die Diskussionen über Tankrabatte. Vor allem aber spüren es die armen Länder. Und dort wird es existenziell. Denn wenn Treibstoffpreise steigen, stehen auch Traktoren still. Felder können nicht bestellt werden, Lastwagen erreichen abgelegene Regionen nicht mehr. Lieferketten geraten ins Stocken, und lebenswichtige Güter, Nahrungs­mittel, Düngemittel, aber auch Baumaterialien in den Erdbebengebieten werden teurer.

Das hat Folgen: Wir wissen von unseren Mitarbeitenden in Afrika und Asien dass viele Familien, die bereits am Existenzminimum lebten, hart getroffen sind. Sie essen weniger oder weniger gesund. Oft bleibt nur noch eine Mahlzeit pro Tag, was vor allem für Kinder schwerwiegende Auswirkungen hat. Wo immer es möglich ist, versucht Helvetas die bestehende Projekte an neue Situationen anzu­passen und flexibel auf die Bedürfnisse von Menschen in Krisen zu reagieren. In unserem Jahres­bericht 2025 finden Sie viele Beispiele von unserem Wirken und unserer Wirkung in dieser anspruchsvollen Zeit. Wir setzen uns für Menschen ein, die es sich nicht leisten können, die Hoffnung aufzugeben.

Einer dieser Orte ist auch die Ukraine. Hier findet seit über vier Jahren ein brutalster Angriffskrieg gegen die Zivilbevölkerung statt, quasi vor unserer Haustür. Dieser Krieg dauert unterdessen länger als der 1. Weltkrieg. Die Menschen sind unendlich müde, doch ein Ende ist nicht in Sicht. Nicht zuletzt, weil Russland von der Blockade der Strasse von Hormuz profitiert und seine Kriegskasse mit Ölexporten wieder füllen kann. So sind die globalen Zusammenhänge. Helvetas wird sich in dieser Situation natürlich weiter in der Ukraine engagieren. Wir können wichtige Projekte für die Schweiz umsetzen. Aber wir dürfen uns nichts vormachen. Unsere Mitarbeitenden dort arbeiten unter schwierigsten Umständen und in ständiger Bedrohung. Wir werden im zweiten Teil des Abends mehr darüber hören. Und zwar von der lokalen Helvetas-Koordinatorin Mariana Kaganiak und Luzia Tschirky. Die ehemalige SRF-Korrespondentin hat Projekte von Helvetas in der Ukraine besucht.

Zum Schluss möchte ich noch einmal betonen, wie wichtig es ist, dass gerade wir in dieser schwierigen Weltlage für unsere Werte einstehen. Solidarität, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sind heute nötiger denn je. Und wenn andere laut das Gegenteil behaupten, dann geben wir eine klare Antwort. Nicht durch noch lauteres Schreien. Sondern durch Hartnäckigkeit und vor allem durch unser Handeln.

Ich danke unseren Mitarbeitenden in der Schweiz und weltweit für ihr Engagement – oft unter schwierigen Bedingungen. Ich danke Melchior Lengsfeld und dem gesamten Leitungsteam für die Suche nach stabilen Wegen in diesen unsicheren Zeiten. Ich danke dem Vorstand für die Unterstützung. Der grösste Dank geht aber an Sie: unsere Mitgliedern, Spender:innen und Unterstützer:innen. Ohne Sie wäre unsere Arbeit nicht möglich. Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung sind uns Auftrag und Ansporn zugleich.

Ungarn: Schicksalswahl für Europa und die Welt»workzeitung.ch

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten aus ­Europa. In Frankreich blieb der befürchtete Durchmarsch der Rechten bei den Kommunalwahlen aus. Städte wie Paris, Marseille oder Lyon werden weiter von Sozialisten und Grünen regiert. Auch die Justizreform von Giorgia Meloni ist im März an der Urne gescheitert. Die Wählerinnen und Wähler wollten vor allem ein Zeichen gegen die «Orbánisierung» Italiens setzen, sagen Verfassungsrechtler. Wie geht es in Ungarn selber weiter?

Migration: Brain-Drain im Westbalkan»workzeitung.ch

2026 werden die europapolitischen Weichen in der Schweiz gestellt. Denn die Abstimmung über die SVP-Chaos-Initiative («10-Millionen-Schweiz») ist faktisch ein vorgezogenes Europaplebiszit. Kommt sie durch, steht die Erneuerung der bilateralen Verträge – inklusive Lohnschutz – auf dem Spiel. Die Schweiz wäre isolierter denn je. Genau in dem Moment, in dem Europa von skrupellosen Autokraten umgeben ist und ein internationaler Konfliktherd nach dem anderen eskaliert. Doch ist Europa stark genug, um seine neue geopolitische Rolle auszufüllen?